Der Küchentisch, an dem wir sitzen, ist groß und massiv, die Schnittblumen vereinzelt und ausladend, die Äpfel grell und grün.

Nach der frontalen Heimatfrage mache ich mit den Aufwärmern weiter. Die kühle Blonde kennt den Trick:

Meer oder Berge?
Meer. Immer mehr Meer.

Schach oder Monopoly?
Doppelkopf.

Hund oder Katze?
Beides.

Ihr Lieblingsfach in der Schule?
Deutsch.

Welche Fächer mochten Sie nicht?
Physik, Chemie, Geschichte, Latein, Sport. Und den Rest mochte ich eigentlich auch nicht besonders.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt: „Die Autorin Susanne Preusker ist ein Gewinn!“, das Nachrichtenmagazin Focus sagt über den Schreibstil in ihrem Buch „Sieben Stunden im April“: „Worte wie Messer“.  Dieser Beststeller wird jetzt sogar von der ARD verfilmt.

Wir kommen der Sache also langsam näher, aber ich muss weiter den harmlosen Schein wahren:

Theater oder Kino?
Theater.

Auto oder Fahrrad?
Auto.

Pizza oder Sushi?
Pizza. Und Pasta auch.

Kaffee oder Tee?
Kaffee. Ohne Milch und Zucker.

Wein oder Bier?
Wein.

Kochtopf oder Thermomix?
Ich bitte Sie! Kochtopf natürlich!

Was finde ich immer in Ihrem Kühlschrank?
Fünf Sorten Ketchup, drei Sorten Senf, Käse, Eier, Marmelade, Gemüse und Kartoffeln, selten Wurst.

Und in der Tiefkühltruhe?
Hundefutter.

Keine TK-Produkte?
Doch: Pansen, Blättermagen und Euter.

Das macht sie aus Absicht. Ich muss weg vom Hundethema. Sie hat es nicht anders gewollt:

Ihr Motto?
Gehen auch zwei? Dann nehme ich „Ob es ein Unglück war, weißt du 3 Jahre später.“ und „Komödie ist Tragödie plus Zeit.“ und „Augen auf und durch.“ und „Morgen wird eine andere Sau durchs Dorf getrieben.“ und „Heimat ist nicht da, wo du die Bäume kennst, sondern da, wo die Bäume dich kennen.“ Oh – das sind ja schon fünf …

Sie sind eine Zeit lang in Hildesheim Taxi gefahren. Würden Sie das heute gerne noch mal ausprobieren? Und wenn ja, in welcher Stadt?
Ach je, das  ist lange her, war aber wirklich eine tolle Zeit. Eine Nachtschicht in der Taxe wäre noch mal spannend – am liebsten in einer spannenden, aufregenden, turbulenten, lauten, lebendigen Stadt. Also in Hildesheim. Das war ein Witz – ich nehme eine Stunde Neapel, eine Stunde New York, eine Stunde Berlin und ich glaube, dann reicht es auch schon wieder.

Warum ein Studium der Psychologie?
Kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass mir mit 17 klar wurde, dass ich als Psychologin und nur als Psychologin arbeiten möchte und werde. Ich erinnere mich, dass dieser damals mit großer Ernsthaftigkeit vorgetragene Berufswunsch angesichts meiner späteren Abitur-Note für allergrößte Heiterkeit gesorgt hat.

Aber Sie haben’s geschafft. Erreichen Sie immer alles, was Sie wollen?
Selbstverständlich. Sie etwa nicht?

Susanne Preusker setzt ihr schönstes Das-ist-natürlich-gelogen-Lächeln auf. Es ist an der Zeit, den Bauchpinsel wegzulegen. Ich gebe Gas und rase in die engste Kurve dieses Gesprächs:

Haben Sie die Berufswahl jemals bereut?
Nein. Keine Sekunde lang. Na ja, vielleicht die eine oder andere, aber viele waren es nicht.

Vermissen Sie Ihren früheren Beruf?
Ja.

Sie haben im Gefängnis gearbeitet. Warum?
Es war eine besondere Tätigkeit in einer besonderen Welt mit besonderen Regeln und besonderen Menschen. Das hat mir gefallen.

Bereuen Sie diese Entscheidung für das Besondere manchmal?
Nein.

Gibt es überhaupt etwas, was Sie bereuen?
Manchmal bereue ich, nicht promoviert zu haben. Aber das ist auf hohem Niveau gejammert.

Warum schreiben Sie Bücher?
Weil ich nicht malen, tanzen oder singen kann. Außerdem macht es mir Spaß.

Ihre Bücher sind sehr unterschiedlich. Warum?
Weil das Leben bunt ist und viele unterschiedliche Geschichten bereithält. Es würde mich langweilen, mich auf ein Genre festzulegen. Es gibt so vieles zu erzählen.

Worauf sind Sie stolz?
Auf meinen Sohn und auf meinen Mann.

Ihre größte Leistung?
Ein Kind großzogen und ihm – hoffentlich – Wurzeln und Flügel auf seinem Weg mitgegeben zu haben.

Ihre größte Angst?
Ich habe viele Ängste, die darum konkurrieren, die größte sein zu dürfen. Heute nehme ich mal die Angst vorm Fliegen. Morgen dürfen Sie sich eine andere aussuchen.

Ihre größte Stärke?
Ich habe keine, nur viele kleine.

Zum Beispiel?
Ach nein, darauf möchte ich nicht antworten. Das ist mir zu selbstbeweihräuchernd.

Nur ein kleines Beispiel, bitte.
Ich kann gut unangenehmen Fragen ausweichen.

Würde ich nicht sagen. Im Gegenteil. Alle mit offenem Visier beantwortet. Kein Grund, weiter zu bohren.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Den typischen Arbeitstag gibt es nicht, es gibt nur ab und an, wenn mich ein Thema richtig gepackt hat, exzessive Schreibphasen. In diesen Zeiten geht der Arbeitstag auch gerne mal bis drei Uhr morgens. Sie erkennen diese Phasen daran, dass Sie im Kühlschrank nichts finden außer Ketchup und Senf und dass mein Mann und mein Hund, innigst vereint auf dem Sofa, im Chor ihre allgemeine Vernachlässigung beklagen. Sie sehen – mit einem disziplinierten Nine-to-Five kann ich leider nicht dienen.

Wie oder wo finden Sie die Themen, die Sie „richtig packen“?
Ich finde sie nicht, sie finden mich. Auf der Autobahn, beim Duschen, beim Spaziergang – wo immer sie sich auch gerade verstecken und auf jemanden warten, der ihnen ein Zuhause geben möchte.

Wo sehen Sie sich in zwanzig Jahren?
In zwanzig Jahren, also mit fast 80 Jahren, sitze ich auf einer blauen Bank vor einem Häuschen mit Blick auf die Nordsee, drinnen im Wohnzimmer steht ein Regal mit Büchern, die ich geschrieben habe, mein Mann ist beim Angeln. Ich sitze in der Abendsonne und warte auf diesen unverschämt gutaussehenden jungen Mann vom Pflegedienst – rundum zufrieden mit meinem Leben und auch mit allem anderen.

Und heute? Sind Sie heute schon mit Ihrem Leben zufrieden?
Und ob!

Lesen Sie eigentlich manchmal in Ihren eigenen Büchern?
Nein, nie, wirklich niemals.

Stille. Sie nimmt einen Schluck Kaffee, dabei fällt ihr eine Haarsträhne ins Gesicht und sie nutzt den kurzen Moment, um auf meinen Notizblock zu spähen. Erschöpft? Nix da, ich hab‘ noch ein paar Klassiker:

Ihr größter Wunsch?
Realistisch oder unrealistisch?

Wie Sie wollen.
Dann nehme ich den Literatur-Nobelpreis.

Wie sieht er aus, der ideale Leser?
Der ideale Leser hängt an Verfassers Lippen, verzehrt sich nach jedem Satz, ist außerstande, das just begonnene Buch beiseite zu legen, und fällt nach dem Lesen und letzten Zuklappen des Buches in einen schwermütigen, nachgerade krankheitswertigen Zustand.

Wirklich?
Natürlich nicht. Den idealen Leser gibt es nicht, der ideale Leser sieht fern, wie ich das in Abwandlung eines bekannten Bonmots von Oscar Wilde mal ausdrücken möchte.

Wo könnte ich Sie im Urlaub zufällig treffen?
Auf Rügen, an der Müritz, irgendwo an der Nordseeküste oder in deren Nähe, vielleicht auch in Bayern oder am Bodensee.

Und wo auf gar keinen Fall?
Einen solchen Ort gibt es nicht, darf es auch nicht geben.

Was ist für Sie das Schönste am Schreiben?
Der Moment, in dem die Figuren sich verselbständigen, um mir zu sagen, wie sie und die Geschichte sich weiterzuentwickeln haben. Klingt irre? Ist es wohl auch.

Und das Schwierigste?
Ganz schwierig sind die Tage, Stunden und Minuten, wenn Selbstzweifel sich anschleichen und sich an der Tastatur festkrallen: Hey, was tust Du da eigentlich? Wer soll das denn jemals lesen? Das interessiert doch kein Schwein! Mach doch lieber was Vernünftiges, Fensterputzen zum Beispiel.

Und wie motivieren Sie sich dann?
Ich putze Fenster. Nein, natürlich nicht, so schlimm kann es gar nicht kommen. Mal im Ernst: da hilft nur „Augen zu und durch“. Oder ein Glas Rotwein. Oder ein langes Telefonat mit der besten Freundin. Oder ein Buch – und zwar ein richtig schlechtes. Sich auf eine ernsthafte Diskussion mit den Selbstzweifeln einzulassen, hilft jedenfalls nicht.

Haben Sie literarische Vorbilder?
Es gibt so viele ganz und gar großartige Autoren, es gibt so viele phantastische Bücher – schwer, sich da auf ein Vorbild oder auch mehrere festzulegen. Wenn ich eine spontane Auswahl treffen sollte, würde ich Leo Tolstoi und Marlen Haushofer benennen.

Sie gewinnen die berühmte Million im Lotto – und dann?
Ich kaufe mir sofort zwei neue Autos: ein riesengroßes, geländegängiges Hundemobil und einen hochmotorisierten Nobelschlitten zum Angeben. Beide fahre ich dann wahrscheinlich umgehend gegen die Pfeiler in der Tiefgarage und ärgere mich schwarz. Wissen Sie was? Behalten Sie doch Ihre Million.